Gute Futterverwerter sind nicht automatisch übergewichtig.
Ob ein Mensch eher dick oder dünn ist, darüber entscheiden auch die Gene.
Jeder Mensch ist anders: Es gibt nicht nur Unterschiede in der Größe und im Aussehen, sondern auch bei der Verdauung und der Energieausnutzung der Nahrung. Es gibt sie daher wirklich – die guten und die schlechten Futterverwerter. Das heißt also, dass genetische Faktoren mit entscheiden, wohin das Körpergewicht tendiert.
Der Kanadier Claude Bouchard hat diese Zusammenhänge bereits in den 90er-Jahren erforscht. An seinen Studien an der Laval Universität in Quebec nahmen zwölf eineiige Zwillinge teil. Diese Versuchspersonen nahmen 86 Tage lang 1.000 Kalorien mehr als gewöhnlich zu sich. Theoretisch hätte aus dieser zusätzlichen Kalorienmenge eine Gewichtszunahme von 12,3 Kilogramm resultieren müssen. Das tatsächliche Ergebnis lag bei den einzelnen Personen hingegen zwischen vier und 14 Kilogramm.
Trotz dieser Schwankungsbreite waren die Gewichtszunahmen der Zwillinge immer identisch, egal ob sie getrennt oder gemeinsam aufgewachsen waren. Eineiige Zwillinge entstehen aus einer einzigen befruchteten Eizelle und haben daher identische Gene. Auch mit dem Gewicht der leiblichen Eltern bestand ein Zusammenhang, nicht aber mit dem der Adoptiveltern. Aus diesen Ergebnissen schloss der Forscher auf eine genetische Disposition bei der Nahrungsverwertung.
Diese Ergebnisse wurden jüngst in einer englischen Studie bestätigt. Im American Journal of Clinical Nutrition wurde beschrieben, dass bei einer Untersuchung von mehr als 5.000 Zwillingen im Alter von acht bis elf Jahren herauskam, dass der BMI (Body Mass Index) und der Taillenumfang zu 77 Prozent vererbt werden. Knapp ein Viertel soll demzufolge auf das soziale Umfeld zurückzuführen sein, wobei dem Einfluss der Familie nur rund zehn Prozent zugeschrieben werden.
Es war einmal ein Überlebensvorteil
Somit ist also bereits in der Erbsubstanz festgelegt, ob man ein guter oder schlechter Futterverwerter ist.
Menschen, die leicht zunehmen, werden als „gute Futterverwerter“ bezeichnet. Bei ihnen wird die aufgenommene Nahrungsenergie schnell als Fettpolster angesetzt. In Notzeiten hatte und hätte dieser Typ Mensch eindeutig einen Überlebensvorteil.
Schlechte Futterverwerter hingegen verbrennen die aus der Nahrung gewonnene Energie leichter und geben sie in Form von Wärme ab. In der heutigen Überflussgesellschaft ist dieses genetische Merkmal eher vorteilhaft.
Auch die Darmflora spricht ein Wörtchen mit
Eine weitere Studie unterstreicht die Annahme der guten und schlechten Futterverwertung. Entscheidend hierfür ist neben dem genetischen Faktor auch die Zusammensetzung der Darmflora, wie Forscher der Washington Universität in St. Louis (Bundesstaat Missouri) in der Zeitschrift Nature berichteten.
Nachdem sie an übergewichtigen Mäusen festgestellt hatten, dass diese eine andere Darmflora aufwiesen als normalgewichtige Tiere, untersuchten sie auch die Darmflora von Menschen und kamen zum gleichen Ergebnis. Übergewichtige sollen in ihrem Darm eine höhere Anzahl an Bakterienstämmen aufweisen, die Ballaststoffe, also eigentlich unverdauliche Nahrungsbestandteile, besonders gut verwerten.
In einem Experiment verabreichten die Forscher daraufhin keimfrei aufgezogenen Mäusen die Darmflora von übergewichtigen Tieren. Die Bakterien siedelten sich im Darm an und sorgten dafür, dass die Mäuse bei gleicher Verpflegung 20 Prozent mehr Körperfett aufbauten als ihre Artgenossen mit der Darmflora normalgewichtiger Mäuse. Bei diesem Vorgang ist die tatsächliche Energieausnutzung nicht sehr hoch – beim Menschen sind es zirka 40 kcal pro Tag –, was sich über die Zeit letztendlich auch summiert.
Die Autoren sehen die Darmflora daher neben der genetischen Prädisposition und dem Lebensstil als weiteren Einflussfaktor bei der Entstehung von Übergewicht, so beim aid von Dr. Maike Groeneveld veröffentlicht.
Übergewicht muss trotzdem nicht sein
Ein guter Futterverwerter muss nicht dick werden. Er muss nur weniger essen als ein schlechter Futterverwerter, da er weniger Nahrungsmittel benötigt. Bei einer funktionierenden Steuerung der Nahrungsaufnahme führt das dazu, dass ein guter Futterverwerter früher satt wird und dadurch einfach weniger isst. Nur wenn die Balance aus Essen und Bewegung nicht stimmt, kann sich die Prädisposition für Adipositas auswirken. Menschen mit einer solchen Veranlagung müssen daher nicht zwangsläufig übergewichtig werden.
Unbestritten bleibt natürlich, dass sie es schwerer haben, schlank zu bleiben. Daher sind vorbeugende Maßnahmen wie eine ausgewogene Ernährung (aid-Ernährungspyramide, Tipps zum vollwertigen Essen und Trinken) und viel Bewegung besonders wichtig, betonen die Experten.
Mit Sport mehr verbrauchen
Um den Energieumsatz anzukurbeln, ist Sport, wie schon erwähnt, das richtige Mittel, denn dadurch wird zusätzliche Energie verbrannt. Bewegung sollte schon im Kindesalter ein wichtiger Bestandteil des Alltags sein, denn auch späteren Figur- und Gesundheitsproblemen kann so vorgebeugt werden. Auch bei Menschen, die nicht so schnell zunehmen, gehört Sport auf den Tagesplan.
Entscheidend ist ein sportliches Engagement ab dem 30. Lebensjahr, denn ab diesem Alter sinkt gewöhnlich der Grundumsatz. Der Grundumsatz ist die Menge an Kalorien, die der Körper benötigt, um die Lebensfunktionen im Ruhezustand aufrechtzuerhalten.
Im Laufe des Lebens kommt es zu Veränderungen im Stoffwechsel eines Menschen: Während Jugendliche aufgrund des Wachstums einen höheren Grundbedarf haben, braucht man im Alter weniger Kalorien. Grund: Ein Teil der Muskelmasse wird durch Fett ersetzt und auch der Wasser- und der Mineralstoffgehalt nehmen ab. Dadurch sinkt der Grundumsatz und damit auch der Kalorienbedarf.
Bei Männern und Frauen sinkt der Kalorienbedarf zwischen dem 25. und 75. Lebensjahr um circa 200 bis 400 kcal (bei Männern mehr als bei Frauen). Wenn man also im Alter isst wie in früheren Jahren, ist das Übergewicht fast unausweichlich – es sei denn, man geht mit Bewegung aktiv dagegen an.
Bewegungsmuffel ist nicht gleich Bewegungsmuffel
Wissenschaftler, die das Verhalten adipöser Menschen untersuchten und dies mit dem von Normalgewichtigen, die aber auch gerne und reichlich aßen, verglichen, kamen zu interessanten Ergebnissen: Beide Gruppen, die übergewichtigen genauso wie die „dünnen“ Studienteilnehmer, beschrieben sich selbst als Bewegungsmuffel.
Die Beobachtungen der Wissenschaftler zeigten allerdings etwas anderes: Die „Dicken“ bewegten sich durchschnittlich rund zweieinhalb Stunden weniger als die schlanken Testpersonen. Dies zeigte, dass die Alltagsaktivitäten eine bedeutsame Rolle für das Körpergewicht einnehmen. Gehen, Treppensteigen, Hausarbeit, aber auch Herumzappeln scheinen dabei entscheidender zu sein als der Energieverbrauch durch gelegentliche sportliche Aktivitäten. Vielen Menschen ist dies anscheinend gar nicht bewusst und sie registrieren auch nicht, wie viel sie sich im Alltag bewegen.
Die Mischung macht’s
Leider stimmt es: Dicke Eltern haben oft dicke Kinder. Und wie gesagt spielt auch die genetische Veranlagung eine Rolle, aber von den Genen allein wird man nicht dick – entscheidend ist das Verhalten. Und auch das wird durch das Elternhaus geprägt: Leben die Eltern einen gesunden Lebensstil vor, werden auch die Kinder öfter zu Obst als zu Schokolade greifen. Zum Glück besteht für jede Altersgruppe die Chance zur Veränderung: Richtig essen kann man auch als Erwachsener noch lernen – und den Spaß an Bewegung entdecken ebenfalls.
Nährstoffreich und kalorienarm – so geht es
Dabei hilft die aid-Ernährungspyramide.
Getränke sind die wichtigste Basis – schließlich besteht der Körper zu 60 Prozent aus Wasser. Leitungswasser, Mineralwasser und Fruchtsaftschorlen sind ideale kalorienarme Getränke.
Danach folgen die Lebensmittel der zweiten und dritten Gruppe. Kräftig zugreifen dürfen Sie bei Gemüse und Obst: fünfmal täglich – roh, gekocht oder als Saft. Sie sind kalorienarm und liefern dennoch viele lebenswichtige Nährstoffe wie Vitamine oder Mineralstoffe. Essen Sie zudem sättigende Lebensmittel wie Brot, Getreideflocken, Reis und Nudeln möglichst viermal täglich.
Fettarme Milch und Milchprodukte, Quark und Käse sollten ebenfalls häufig auf den Tisch kommen. Sie können bis zu dreimal täglich verzehrt werden. Milch und Milchprodukte sind so wichtig, weil sie den Knochenbaustein Kalzium liefern, der Osteoporose entgegenwirken kann.
Sparsam sollten Sie dagegen mit Fleisch, Wurst, Eiern, Streichfetten und Süßigkeiten umgehen, denn sie liefern verhältnismäßig viel Energie.
Hilfreich sind außerdem die Tipps zum vollwertigen Essen und Trinken.